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Teil I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII

© Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Martin Kupke dürfen Teile aus der im Jahre 2000 erschienenen Dokumentation „Die Wende in Oschatz“ hier wiedergegeben werden. Das Bildmaterial stammt aus dem Archiv von Eckhard Thiem, Großböhla.

Am 8. November kam bei mir eine Gruppe zusammen, mit der die nächste Veranstaltung vorbereitet und die zurückliegende ausgewertet wurde. Diese Gruppe wurde dann in den nächsten Monaten zur ständigen Einrichtung. Sie bestand aus kirchlichen Vertretern und aus Abgeordneten der Parteien und Gruppen. Nicht geladen war die SED. Diese Vorbereitungsgruppe versammelte sich stets bei mir im Arbeitszimmer, in der Oschatzer Superintendentur. Es wurde auch Rückblick gehalten und dabei bedacht, was in der vorhergehenden Veranstaltung gut und was nicht gut war und was geändert werden musste. Danach legten wir den Ablaufplan für die nächste Versammlung fest und die Aufgaben wurden an die verschiedenen Leute verteilt.
Über die rasante Entwicklung im Lande schrieb ich am 10. November in der LVZ:
„Wohin geht die Reise und wer bestimmt den Kurs?
Was sich in unserem Lande ereignet, ist atemberaubend und einmalig. Manches, was heute gesagt wird, ist morgen schon überholt. Die Dinge überstürzen sich. Die Kirche steht mitten im Strudel. Viele Menschen in unserem Land haben in den letzten Monaten das Dach der Kirche gesucht, weil ihnen andere Dächer verweigert wurden. Von der Kirche gingen die Menschen auf die Straße. Unter dem Druck der Demonstrationen und dem Druck der Massenflucht kam es in unserem Land zum Aufbruch. Die Kirchen begleiten diesen Aufbruch und machen ihren Einfluss geltend, dass er weiterhin gewaltlos verläuft. Wenn eine neue Gesellschaft entstehen soll, muss bereits der Anfang von neuen Maßstäben geprägt sein. Neue Maßstäbe sind: Wahrheit, Gerechtigkeit, Gewaltlosigkeit, Güte, Barmherzigkeit, usw. Die Methoden des Anfangs bestimmen den Fortgang. Deshalb lasst uns hellwach sein und auch auf die achten, die durch unbeherrschte Aktionen der neuen Bewegung Schaden zufügen könnten. Nur ein neues Denken und Verhalten führt in neue Zeiten.
Wie soll es bei uns weitergehen? Am dringlichsten sind Neuwahlen. Ohne Neuwahlen kein Neuanfang. Die SED muss sich, wie alle anderen Gruppierungen, der Wahl stellen. Sie kann nur noch eine Partei unter anderen sein. Unter ihrer Führung sind wir dort gelandet, wo wir heute sind. Sie trägt dafür die Verantwortung. Ihr nahezu absoluter Machtanspruch und ihre Verknüpfung mit allen Regierungsämtern ist durch nichts gerechtfertigt.
Weiterhin ist Offenheit gefragt. Bisher haben sich alle wesentlichen Dinge hinter verschlossenen Türen abgespielt. Von nun an wollen wir alles wissen.
Die Macht muss in Zukunft geteilt werden. Nur geteilte Macht ist gute Macht. Die Machthaber müssen kontrolliert werden. Die Qualität der meisten Menschen ist nicht so groß, dass sie vor den Gefahren der Machtausübung sicher wären. Aber wo sind die neuen Leute und ihre Programme? Die ganze Bevölkerung muss sich an der Erarbeitung der Programme beteiligen und die neuen Leute suchen. Es geht nicht, dass die Menschen in den Dörfern und Städten fassungslos dem Geschehen auf der Bühne zusehen. Sie müssen selber mitspielen und Geschichte machen. Und vor allem müssen wir alle aufpassen, dass sich keine Fehler einschleichen. Die neuen Leute müssen besser sein als die alten. Von ihnen erwarte ich, dass sie ehrlich sind und bleiben, dass sie bereit sind, dem Volke zu dienen und dass sie zur Regierung fähig sind. Diese Leute sind da, wir müssen sie nur finden. Die kirchlichen Mitarbeiter aber können die Politiker von morgen nicht sein. Wir müssen bei unseren kirchlichen Hauptaufgaben bleiben. Aber begleiten werden viele von uns die neue Bewegung auch in Zukunft.“


Im VEB Glasseidenwerk Oschatz hatte die C-Schicht der Abteilung Glaserzeugung am Tage des Mauerfalls Nachtschicht. Die Fotos zeigen die Messwarte für die 5 Glasschmelzwannen zur Nachtschicht einen Tag später.  Mitarbeiter der C-Schicht studieren unter der Sachsenfahne die Autokarte für die erste Reise in den Westen.

Fortsetzung


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