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Teil I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII

© Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Martin Kupke dürfen Teile aus der im Jahre 2000 erschienenen Dokumentation „Die Wende in Oschatz“ hier wiedergegeben werden. Das Bildmaterial stammt aus dem Archiv von Eckhard Thiem, Großböhla.
Erste Montagsrunde am 15. Januar 1990, 18 Uhr in der Klosterkirche

Es ging um das Thema Gesundheitswesen. Gesprächsteilnehmer am Tisch waren:
Ökokreis: Frau B. Ludwig, Frau Ch. Sirrenberg
CDU: Herr Dr. Heidemann, Herr Kupfer
LDPD: Herr Köhncke, Herr Mehnert
NDPD: Herr Klemig
DBD: Herr Schöpp
PDS: Herr Becker
Evangelische Kirche: Frau Petzold, Frau I. Schmidt
Katholische Kirche: Herr Döring, Frau Pischulik
Neues Forum: Frau Fritzsche, Herr Bönisch
SPD: Herr Zieger, Herr Dr. Donaubauer
Parteilos: Frau Grundmann
LVZ: Frau Liebegall
Gesprächsleiter: Dr. Kupke, Pfarrer Zehme
Protokollantin: Frau R. Müller


A5 Plakat der 1. Oschatzer Montagsrunde

Einleitend sagte ich u.a.: „Ich begrüße alle, die hier am Tisch sitzen, die sich im Raum befinden und oben in der Kirche der Lautsprecherübertragung blindlings folgen. Ich begrüße diejenigen, die noch auf der Straße stehen, weil sie keinen Platz in der Kirche gefunden haben. Diejenigen, die hier am Tisch sitzen, vertreten die meisten Menschen in unserem Territorium. Was wir besprechen und beschließen, geht also fast alle an. Wir haben viel zu tun. Bereits für heute abend liegt uns eine Fülle von Einzelfragen, Informationen und Problemen vor. Daher wird von uns ein hohes Maß an Konzentration und Disziplin verlangt, um effektiv arbeiten zu können. Die Form unserer Gespräche sollte sachlich, freundlich und fair sein. Auch in der Form unseres Umganges miteinander zeigt sich, wes Geistes Kinder wir sind, ob wirklich Neues unter uns entsteht oder ob es bloß mal wieder ein bisschen anders wird. Vielleicht gelingt es uns, bei unserer Montagsrunde neue Strukturen zu finden, mit denen die Lösung von Problemen leichter ist, als dies in der Vergangenheit der Fall war. Da wurden die eigentlichen Fragen unseres Volkes gewaltsam unterdrückt. Für eine gute Zukunft ist es wichtig, dass es uns gelingt, unsere Konflikte und Lebensfragen gewaltlos, human und gerecht zu lösen. Wenn wir als evangelische Kirche zur Montagsrunde einladen, so tun wir dies stellvertretend, bis sich demokratische Strukturen bei uns gebildet haben.
Bevor sich nun jeder am Tisch vorstellt, möchte ich den Herren von der Technik danken: Herrn Busch für die Tonübertragung. Bisher war er auch schon in der Aegidienkirche tätig. Heute hat er seine Übertragungstechnik wieder mitgebracht und aufgebaut, um aufzunehmen, was hier gesprochen wird. Kameramann ist Herr Wächtler. Er hat für die Aufnahmen seine Kamera und seine Videobänder zur Verfügung gestellt.
Als Gäste für das heutige Thema „Gesundheitswesen“ begrüße ich: Den Kreisarzt, Herrn MR Dr. Wunder, den ärztlichen Direktor des Kreiskrankenhauses Oschatz, Herrn OMR Dr. Schmidt, den ärztlichen Direktor der Kliniken Hubertusburg, Herrn OMR Dr. Hoffmann, den Chefarzt am Kreiskrankenhaus Oschatz, Herrn MR Dr. Schollmeyer.

Ich komme nun zu den Spielregeln der Montagsrunde:

  1. Es wird zwei Teile geben: Einen allgemeinen und einen thematischen Teil. Im allgemeinen Teil geht es um Verfahrensweisen, aktuelle Dinge, Berichte, Anträge, Abstimmungen. Im thematischen Teil beschäftigen wir uns heute mit dem Gesundheitswesen.
  2. Reden können nur diejenigen, die am Tisch sitzen. Aber die Zuhörer dürfen einen Zettel mit Anfragen durchreichen.
  3. Die Gruppen und Parteien sind festgelegt, die am Tisch sitzen. Sie delegieren ihre Vertreter hierher. Es wäre gut, wenn ein Sachverständiger für das jeweilige Thema dabei wäre.
  4. Über Entscheidungen müssen wir abstimmen. Abstimmungsberechtigt sind die 22 Delegierten am Tisch, sonst niemand.
  5. Für die Durchführung des Abends ist ein Organisationsdienst nötig. Wir danken der LDPD, die heute diesen Dienst übernommen hat.
  6. Die Gesprächsbeiträge möchten bitte kurz sein, Referate sind nicht möglich.
  7. Das Thema für die nächste Runde wird hier durch Abstimmung beschlossen.
  8. Eingeladen wird durch die Evangelische Kirche.“

Es kam nun zu Meinungsäußerungen zu diesen Spielregeln, dann wurde ihnen zugestimmt. Frau Fritzsche machte den Vorschlag, die Gewerkschaft in die Montagsrunde einzubeziehen. Dies wurde mehrheitlich abgelehnt.

Nach diesen einleitenden Formalitäten kamen wir zum Teil „Allgemeines“:

  1. Die Videoaufnahmen wollten wir im Ortsnetz einspeisen. Technisch sei dies möglich, die Bemühungen dazu sind im Gange. Die Teilnehmer stimmten dieser Veröffentlichung der Montagsrunde zu. Es wird geklärt, wer sich im einzelnen darum kümmert.
  2. 2. Eine Litfaßsäule soll in Oschatz aufgestellt werden. Herr Köhncke wird dies tun, sein Betrieb will die Säule stiften. Für seinen enormen Einsatz wird ihm gedankt. Die Bevölkerung soll sich öffentlich an dieser Säule äußern können. Wir bitten aber um qualifizierte Texte und dass keine Verleumdungen und Beschimpfungen angebracht werden. Die Säule wird in der Sporerstraße aufgestellt.
  3. In der Montagsrunde wird ein Protokoll geschrieben. Dieses wird auszugsweise gedruckt und veröffentlicht. Herr Barthen ist bereit, dies zu tun. Darüber stimmen wir ebenfalls ab.
  4. Das nächste Mal soll es um die Volksbildung gehen. Es wird um Vorschläge gebeten, welche Gäste einzuladen sind.

Nach einer Pause von fünf Minuten kommen wir zum zweiten Teil des Abends, zum Thema „Gesundheitswesen“. Die Gesprächsleitung übernimmt Pfarrer Zehme. Zu folgenden Themen lagen aus der Bevölkerung bereits Anfragen vor:

1. Anfrage zu Organspenden: „Kann man einen Organspendeausweis erwerben? Habe ich als Angehöriger das Recht, von einer Organentnahme zu erfahren?“

Dazu Dr. Wunder: „Bei der Organentnahme bedarf es keiner Zustimmung. Angehörige müssen nicht unbedingt davon erfahren. Wir informieren sie aber trotzdem.“

2. Anfrage: „Ist eine ambulante Geburt beieiner normalen Geburt möglich? Darf ein Frauenarzt eine Schwangerschaftsunterbrechung ablehnen, obwohl sie gewünscht wird?“

Dr. Schollmeyer: „Zur zweiten Frage: Die Möglichkeit besteht grundsätzlich. Ein Arzt wird ablehnen, wenn medizinische Gründe dafür vorliegen. Bei einer Ablehnung der Schwangerschaftsunterbrechung durch einen Arzt kann sich die betreffende Frau an die Bezirksstelle wenden, deren Entscheidung dann endgültig ist. Zur ersten Frage: Eine ambulante Geburt lässt sich z.Zt. nicht realisieren, da es keine ambulant tätige Hebamme gibt.“

3. Anfrage: „Die Patienten sind schockiert über den schlechten Umgangston in den medizinischen Einrichtungen. Wie kann diese Situation verbessert werden?“

Dr. Hoffmann: „Wir haben einen echten Mangel an Pflegepersonal, daher ist es schwer, alle Dienste zu besetzen. Mit Betroffenheit muss festgestellt werden, dass viele Kader aus dem medizinischen Sektor nach dem Westen abgewandert sind.“Dr. Schmidt: „Das Kreiskrankenhaus Oschatz hat 15 Abgänge nach dem Westen. Für diese Abwanderungen gibt es nicht nur finanzielle Gründe. Junge Menschen wollen einfach besser leben. Das Kreiskrankenhaus ist davon sehr betroffen und vermisst jeden.“
Dr. Donaubauer:“ Vierzig Jahre lang haben wir in der DDR mit großer Mühe Wettbewerbe durchgeführt. Sie haben zu totalem Frust geführt. Ich bin froh darüber, dass wir dies überwunden haben.“ (Beifall)
Dr. Wunder: „Zum Personalnotstand: Beim Personal waren wir bisher nicht am Bedarf orientiert. Es wurde alles gelenkt. Daher hatten wir zu wenige Absolventen.“ Dr. Donaubauer: „Bisher wurde alles von oben geboten. Das muss anders werden.“
Dr. Hoffmann: „Das Problem ist, dass uns die Ärzte fehlen. Das wird sich in absehbarer Zeit auch nicht ändern.“

Anfrage: „Wozu brauchen wir einen Kreisarzt? Ohne diese Funktion hätten wir eine Fachkraft mehr.“

Dr. Wunder: „Für amtsärztliche Tätigkeiten brauchen wir einen Kreisarzt. Ob wir einen in der bisherigen Funktion brauchen, ist aber die Frage.“
Dr. Hoffmann: „Wir haben in der Hubertusburg vierundzwanzig unbesetzte Schwesternstellen und dann noch die gleiche Zahl von Schwestern, die sich im Mutterschaftsurlaub befinden. Ich bin dankbar, dass uns die Junge Gemeinde mit ihrem Jugendwart aushilft. Bei uns müssen die Schwestern ja noch Öfen heizen. Das sind katastrophale Bedingungen.“

Anfrage: „Muss das Gesundheitswesen unbedingt in einem Schloss sein und dieses auch noch rekonstruieren?“

Dr. Wunder: „Das war bisher für uns die einzige Möglichkeit. Nun müssen wir uns leider um alles kümmern. Noch zu den Schwestern: Die sozialpolitischen Maßnahmen sind ein Riesenproblem für uns und erschweren alles.“
Frau Fritzsche: „Im Gesundheitswesen gibt es kein richtiges Gehaltssystem. Wir sollten dieses über den Kreisarzt vom Ministerium fordern. Außerdem sind die Arbeitsbedingungen für Schwestern und Ärzte zu verändern. Sie entsprechen nicht den Anforderungen. Die Kliniken Hubertusburg brauchen gar keinen ärztlichen Direktor. Ein Verwaltungsleiter reicht zu.“
Dr. Schmidt: „Schlechte Arbeitsbedingungen sind kein Grund zum Abwandern. Albert Schweitzer ist schließlich auch nach Lambarene gegangen.“
Dr. Donaubauer: „Solange ein Arzt in der BRD das Zehnfache eines Arztes von uns verdient, wird es die Abwanderungen weiter geben. Wenn ein Stationsarzt für den Wochenenddienst pro Stunde 5,60 M erhält, kann man kein Berufsethos von ihm verlangen.“
Pfarrer Zehme: „Ich mache den Vorschlag, eine Bürgerinitiative ‚Gesundheitswesen‘ zu gründen. Interessenten könnten sich ja am Schluss melden.“

4. Anfrage: „Gibt es für Ärzte im Kreis Oschatz die Möglichkeit, sich in einer eigenen Praxis niederzulassen?“

Dr. Wunder: „Dazu wird eine neue Anordnung erwartet. Zwei Kollegen haben bereits eine solche Absicht geäußert. Eine solche Niederlassung würden wir gern dort sehen, wo es Betreuungsprobleme gibt.“
Dr. Donaubauer: „Ich bin gegen eine solche Auslese und fordere gleiches Recht für alle!
Frau Fritzsche: „Auch für Pflegeheime und Tagesstätten fordere ich private Initiativen.“

5. Anfrage: „Was wird aus dem Gebäude der ehemaligen Staatssicherheit. Wer entscheidet darüber?“

Dr. Wunder: „Es gibt eine Arbeitsgruppe, der sechs Vorschläge vorliegen. Die endgültige Entscheidung trifft dann die Stadtverordnetenversammlung.“
Frau I. Schmidt: „Wir sollten hier in diesem Kreise darüber abstimmen. Ich bin dafür, das Gebäude den geistig geschädigten Kindern und Jugendlichen zur Verfügung zu stellen.“
Zu diesem Vorschlag gab es eine umfangreiche Diskussion. Dann stimmte die Montagsrunde einstimmig dafür.

6. Anfrage: „Ist Halbtagsarbeit möglich?“

Dr. Schmidt: „Seit einem halben Jahr ist sie möglich. Durch die Schichtarbeit ist diese Form der Anstellung aber kompliziert.“
Dr. Schollmeyer: „Wenn zwei Arbeitskräfte auf einer Planstelle sind, müssen sie unbedingt die gleiche Qualifizierung haben.“

Anfrage: „Wie ist es jetzt mit der Bezahlung?“

Dr. Wunder: „Im März 1990 soll es ein neues Lohngefüge geben. Ich hoffe, dass vorher mit den Verantwortlichen an der Basis gesprochen wird.“
Dr. Kupke: „Weshalb gibt es in Oschatz keinen Hautarzt?“
Dr. Wunder: „ Eine Kollegin befindet sich in der Ausbildung. Z.Zt. überweisen wir nach außerhalb.“

7. Anfrage: „Meine Frage betrifft den Wohnkomplex für Behinderte in Oschatz West: Weshalb spricht man nicht vor dem Bau mit dem betroffenen Personenkreis? Die Ausführung ist nicht behindertengerecht: Es gibt keine schiefe Ebene, aber Bordsteine. Diese Wohnungen werden von den Betroffenen als Almosen angesehen.“

8. Weitere Anfragen: Es gab Ablehnungen von Bewerbungen bei der Erwachsenenqualifikation für medizinische Berufe.
-  Welche Perspektiven haben Eltern und pflegebedürftige Menschen?
-  Wieviele Pflegefälle gibt es im Kreiskrankenhaus Oschatz?

Antwort Dr. Schmidt: „10%“

- Wenn Familien einen Angehörigen selber pflegen wollen, wie ist da die gesetzliche Regelung?
- Wie steht es mit der ambulanten Betreuung der N-Kader?

Antwort Dr. Wunder: „Die gesetzlich festgelegte Untersuchung wurde aufgehoben.“

- Wie wird der Niveau-Unterschied zwischen BRD und DDR verkraftet?

Antwort Dr. Wunder: „Überhaupt nicht.“

- Das Altersheim Börln hat 140 Betten, aber keinen Waschraum und keinen Trockenraum, dafür einen Jugendclub.
- Mit dem Kraftverkehr sollte geklärt werden, dass wenigstens an den Wochenenden Besuchsmöglichkeiten der Altersheime Börln und Hohenwussen geschaffen werden.
- Wieso gibt es Kontingente für Medikamente im Kreiskrankenhaus?

Antwort Dr. Schmidt: „Es gibt keine Kontingente, sondern Planungsgrößen.“
Herr Mehnert: „In der Zahnheilkunde gibt es die Kontingentierung für Edel-Metalle und NSW-Erzeugnisse. Seit Jahren wird um eine Veränderung gekämpft.“
Vorschlag: Es soll geprüft werden, ob das Gebäude der Getreidewirtschaft für das Gesundheitswesen genutzt werden kann.

An dieser Stelle wurde die erste Montagsrunde von mir beendet. Die Diskussion über dieses Thema sollte am 5. Februar 1990 fortgesetzt werden.


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