| Die
Filzwaren-Industrie
die in Oschatz die in Oschatz
zu hoher Blüte gelangt ist, wurde durch einen Hutmacher Ambrosius
Marthaus begründet und sie hat sich derart entwickelt, daß heute
die Oschatzer Filzwaren einen Weltruf genießen und sich weit über
Deutschlands Grenzen hinaus ein Absatzgebiet erobert haben. Auch hier war
der Anfang ein kleiner.
Ambrosius Marthaus, der
im Jahre 1834 das väterliche Geschäft übernommen, hatte
bald erkannt, das infolge der ungünstigen Zeitverhältnisse die
Hutmacherei keinen besonderen Gewinn mehr versprach und bald nach Eröffnung
des Geschäftes ging der erst Vierundzwanzigjährige, der in seinen
Lehr- und Wanderjahren offenen Auges die Bedürfnisse der Zeit erkannt,
zu der Verwirklichung einer damals neuartigen Idee, der Fabrikation von
Filzschuhen und Haarfilztafeln über. Die eigenen Mittel waren nur
gering, doch als er im Jahre 1838 mit den ersten Erzeugnissen seiner Fabrikation
Berlin aufsuchte, und hier große Aufträge erhielt, wurde
ihm von Seiten seiner Geschäftsfreunde auch die nötige Förderung
zu teil. Man unterstützte, wie sein Sohn Kommerzienrat Ambrosius Marthaus
in der Festschrift gelegentlich des fünfzigjährigen Bestehens
der Firma erzählt, den jungen Anfänger durch wöchentliche
Übersendung der nötigen Quantität Wolle und der Arbeitslöhne
und ermöglichte es ihm so, die Aufträge auszuführen. Damit
war der Grundstein zur Entwicklung des Geschäftes gelegt. Am
19. Oktober 1838 konnte Ambrosius Marthaus das bisher gemietete Grundstück
Hospitalgasse 372, in dem er seine Fabrikation betrieb, käuflich übernehmen,
nachdem er schon vorher zur Fabrikation von Satteldecken, aus den früher
von ihm hergestellten Filztafeln übergegangen war. Der große
Brand am 7. September 1842 brachte einen Rückschlag. Das Marthaus'sche
Grundstück und ein großer Teil der Vorräte wurde ein Raub
der Flammen und da der junge Fabrikant eine Versicherung, die beabsichtigt
war, noch nicht abgeschlossen war, verlor er nahezu alles, was er besaß.
Aber er ließ den Mut nicht sinken. Mit den geringen Resten der geretteten
Vorräte und Waren, die ihm seine Mutter, die das väterliche Geschäft
in der Strehlaer Straße weiter führte, überlassen hatte,
ging er zur Michaelismesse nach Leipzig und trotz der ungünstigen
Konjunktur vermochte er gut abzuschließen, da ihm ein Unbekannter,
der von dem großen Brandunglück in Oschatz gehört, seine
ganze Ware zu günstigem Preise abnahm und er auch namentlich auf Satteldecken
große Bestellungen erhielt. Nachkurzer provisorischer Unterbringung
der Fabrik in zum Teil gemieteten Räumen, konnte er – obwohl unter
Übernahme einer großen Schuldenlast – im Jahre 1843 mit dem
Neubau der Fabrik, die nun auch zweckentsprechender eingerichtet wurde,
beginnen.
Hierbei mag ein Vorfall
Erwähnung finden, der das damalige Zunftwesen treffen charakterisiert.
Die Schuhmacherinnung, die doch früher an die Herstellung von Filzschuhen
nicht gedacht hatte, erinnerte sich jetzt, als sie sah, daß das Marthaus'sche
Fabrikat guten Absatz fand, daß Marthaus nicht Schuhmacher war und
daß infolgedessen seine Fabrikation ein Eingriff in die Gerechtsame
der Innung darstellte. Sie suchte im Prozeßwege gegen Marthaus ein
Verbot der Herstellung genähter Filzschuhe zu erwirken. Aber das gelang
nicht. Der Prozeß wurde von Marthaus gewonnen und man mußte
der neuen Industrie die Entwicklungsfreiheit gönnen. Die Vergrößerung
des Satteldeckengeschäfts brachte es mit sich, daß der Fabrikation
auch eine Färberei und Druckerei angegliedert wurde. Die Industrie
der Filzschuhfabrikation gewann in den Jahren von 1852-1877 eine solche
Ausdehnung, daß sich daraus eine blühende Hausindustrie entwickelte,
in welcher in Oschatz, Dahlen, Mügeln und Strehla, ja sogar
in dem preußischen Städtchen Mühlberg eine große
Anzahl von Arbeitern lohnenden Verdienst fand, während in der Satteldeckenfabrikation |
|
25
Jahre in Waldheim eine Anzahl Sträflinge durch die Firma Marthaus
beschäftigt wurden. Im Kriegsjahr 1866 wurde das Grundstück in
der Breitenstraße, auf dem jetzt die großen Anlagen der Filzfabrik
sich befinden, zum Teil erworben und bebaut und die Fabrikation dorthin
verlegt. Und nachdem am 31. Oktober 1869 der am 6. Dezember 1842 geborene
Sohn des Begründers der gleichfalls den Namen Ambrosius Marthaus führte,
die Leitung des Geschäftes für eigene Rechnung übernommen,
nahm dasselbe einen solchen Aufschwung, daß bereits im Jahre 1872
und weiter 1877 neue Erweiterungen der Fabrikräume nötig waren.
1872 wurde durch Zukauf angrenzender Grundstücke der nötige Raum
geschaffen. 1877 erwarb Ambrosius Marthaus die inzwischen in Liquidation
befindliche Aktienspinnerei an der Promenade. Daneben hielt die Ausstattung
mit Maschinen zum Teil eigener Erfindung gleichen Schritt. Der Gründer
des Geschäftes, den unser Bild zeigt, wie er noch in der Erinnerung
manchen alten Oschatzers lebt, hat den letzten Erwerb nicht mehr erlebt.
Er stab am 26. Februar 1875 im Alter von 67 Jahren. Im Jahre 1879 trat
als Teilhaber des Besitzers, dessen Bruder Hugo Marthaus in das Geschäft
ein.
Wenige Jahre vor seinem
Tode im Jahre 1888 wurde dem Sohne des Gründers der Industrie der
Kommerzienratstitel verliehen und damit vom Staate die Bedeutung der Filzwarenindustrie
anerkannt, die beim Tode des Kommerzienrats am 15. November 1890 gefestigt
dastand. Hugo Marthaus, der bisherige Teilhaber blieb nun bis zu seinem
Tode am 10. Oktober 1893 Leiter des Unternehmens, worauf das Gesamtunternehmen
in den alleinigen Besitz der Frau Kommerzienrat Marthaus und deren Kinder
überging. Heute wird es durch die beiden ältesten Söhne
des Kommerzienrats Marthaus, Ambrosius und Rudolf, geleitet, von denen
ersterer der Filz- und Satteldecken-Abteilung, letzterer der Schuh-Abteilung
vorsteht. Ihnen stehen zur Seite ältere Beamte der Firma, unter denen
als kaufmännischer Leiter Prokurist Nollain und als technischer Direktor
Stadtverordneter Polster seit 24 Jahren dem Unternehmen ihre Dienste widmen.
Hergestellt werden in der Filz- und Satteldecken-Abteilung Satteldecken,
Sattelfilze, Schuh-, Mechanik- und Pianofortefilze und Filze für andere
technische Zwecke; in der Schuhabteilung werden außer Filzschuhen,
Filzstiefel, feine Filzjagdstiefel, Promenaden-, Hausschuhe und Pantoffel
gefertigt und namentlich natürlich ebenso die Kombinationen von Filz
und Leder und schließlich auch leichte Lederschuhe in den Kreis der
Fabrikate aufgenommen da durch eine solche Erweiterung des Produktionsgebietes
die rationellere Ausnützung der vorhandenen Arbeitskräfte ermöglicht
und der Absatz erleichtert wurde. Welche enorme Arbeitsleistung in den
beiden Betrieben den Maschinen zufällt, erhellt daraus, daß
3 Dampfmaschinen mit 170 indicierten Pferdekräften und 5 Kessel mit
460qm Heizfläche nötig sind, um die Maschinen zu treiben. Doch
wird dadurch nur eben ein Teil der Arbeit verrichtet, und neben den Maschinen
beschäftigt heute die Fabrik in beiden Betrieben 352 Arbeiter in der
Fabrik selbst und 155 in der Hausindustrie. Ferner noch 26 Beamte, davon
in der Filzfabrikation selbst, in der im letzten Jahre über 9000 Zentner
an Wolle, meist deutscher Herkunft, verarbeitet wurde, 15 Beamte und 262
Arbeiter und in der Schuhfabrikation, die wöchentlich ca. 9000 Paar
Schuhe resp. Stiefel (monatlich ca. 3000 Dtzd.) herstellt, 11 Beamte und
245 Arbeiter. Die Fabrikate beider Abteilungen gehen heute in die ganze
Welt hinaus. Der Kowboy in Argentinien reitet ebenso wie der Cubanische
Pflanzer und australische Schafhirt auf den Satteldecken, die in Oschatz
hergestellt sind, und der südafrikanische Bur, wie der russische Gutsherr
und der amerikanische Pelzjäger tragen Marthaus'sche Filzstiefel.
Und wenn heute die Einkäufer aus fernen Ländern das Welthaus
besuchen, wer von ihnen weiß, daß der Gründer ein schlichter
Handwerker war, der seine Zeit verstand? |