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Oschatzer Allgemeine Zeitung
12.05.2012

"Hass auf Deutsche gibt es nicht mehr"
Patrick Montigel bietet Kindern französischer Kriegsgefangener aus Sachsen
Hilfe bei Suche nach ihren Vätern an

Oschatz.Vor 67 Jahren war der Zweite Weltkrieg zu Ende. Hunderte Frauen und Männer in Sachsen lässt diese Zeit bis heute nicht los. Sie sind Kinder deutscher Mütter und französischer Kriegsgefangener und auf der Suche nach ihren Vätern (wir berichteten). In dieser Woche trafen sie sich erneut in Oschatz. Denn von hier aus hilft Gabriele Teumer als Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins bei der Spurensuche, gibt Recherche-Tipps und vermittelt Kontakte. So wie beim jüngsten Treffen, bei dem Patrick Montigel aus dem französischen Ort Compiegne zu Gast war.
Der 69-Jährige teilt das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen-Kinder. Bei ihm ist es aber genau anders herum. "Meine Mutter war Französin und mein Vater ein deutscher Wehrmachtssoldat", sagte er im OAZ-Gespräch. Der Autor Jean-Paul Picaper hat das Schicksal dieser Menschen in seinem Bestseller "Die Kinder der Schande" verarbeitet. Etwa 200 000 solche Kinder gibt es in Frankreich.
Montigel war als Privatperson in Oschatz, ist aber in Frankreich Mitglied im Verein Nationaler Freundeskreis der Kriegskinder (ANEG). In dieser Funktion versicherte er den Sachsen, deren Väter französische Kriegsgefangene waren: "Ich biete Ihnen Unterstützung beim Überwinden der sprachlichen Barrieren an." Scheu vor der Kontaktaufnahme mit französischen Behörden brauchten die betroffenen Sachsen nicht zu haben. Montigel: "Den Hass auf Deutsche gibt es in Frankreich nicht mehr."
Die Initiatorin der Gesprächsrunde Gabriele Teumer war froh über das Hilfsangebot von Patrick Montigel. "Nur, wenn wir uns gegenseitig kennen lernen, können wir uns gegenseitig helfen", sagte sie. Beim nächsten Treffen im Herbst soll eine Mitarbeiterin des Staatsarchivs den Betroffenen Recherche-Tipps geben.

Frank Hörügel

Patrick Montigel (l.), die Vorsitzende des Oschatzer Heimat- und Geschichtsvereins Gabriele Teumer und Rolf Schubert reden über Kriegskinder. Foto: Dirk Hunger

 


Oschatzer Allgemeine Zeitung
10.04.2012

Geschichts- und Heimatverein Oschatz zu Besuch in der OAZ-Redaktion

Interessierte Gäste: Wie die Lokalzeitung entsteht und welche Rolle dabei der Computer spielt, erklärt hier der stellvertretende Redaktionsleiter Frank Hörügel (r.). Zum jüngsten Stammtisch des Oschatzer Geschichts- und Heimatvereins trafen sich die Mitglieder in der OAZ-Redaktion und informierten sich über die Zeitungsproduktion. Unter den Gästen war an diesem Abend auch Ute Sikler, die Urenkelin des verdienstvollen Oschatzer Bürgermeisters Robert Härtwig.

Foto: Dirk Hunger
 


Oschatzer Allgemeine Zeitung
11.02.2012

"Keine Garantie für die Zukunft"
Buchautor Wolfgang Michael hat Nazizeit in Oschatz recherchiert und zieht erschreckendes Fazit

Von Frank Hörügel
Oschatz. Die Geschehnisse in der Nazizeit in Oschatz stoßen auf großes Interesse. Wolfgang Michael stellte in dieser Woche sein neues Buch "Oschatz unterm Hakenkreuz" zahlreichen Geschichtsinteressierten im Gasthaus "Zum Schwan" vor.
Nach der Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 begann in Oschatz eine völlig neue Zeitepoche. "Die meisten Einwohner empfanden eine tiefe Erleichterung darüber, dass sie wieder einen festen Arbeitsplatz und ein steigendes Einkommen fanden. Die anfängliche Distanz verwandelte sich in dankbare Loyalität zum neuen System", hat Michael bei seinen Recherchen herausgefunden.
Tatsächlich war 1933 fast jeder dritte Oschatzer auf staatliche Unterstützung angewiesen, bis 1939 herrschte dagegen praktisch Vollbeschäftigung. Grund: Als neue Garnisonsstadt profitierte Oschatz von der zunehmenden Militarisierung. Vor allem Bauarbeiter wurden gebraucht - für den Neubau des Fliegerhorstes, für Kasernenbauten an der Dresdener Straße und die Errichtung von Wohnhäusern in der Kant-, Burg- und Friedensstraße. Die Soldaten und ihre Familien ließen zudem Gastronomie und Handel erblühen.
Parallel dazu waren die Oschatzer ständiger Propaganda der Nazis ausgesetzt. Fast jede Woche wurden Aufmärsche durch die Stadt veranstaltet. Kinofilme glorifizierten das System und hetzten gegen Juden. Im Jahr 1939 wurden in den UT-Lichtspielen am Neumarkt knapp eine halbe Million Eintrittskarten verkauft. Jeder Oschatzer war im Durchschnitt 27-mal im Jahr im Kino. "Die Oschatzer Nazibonzen übertrafen sich gegenseitig in ihrem Judenhass", fand Michael heraus. Und das, obwohl es in der Stadt nur wenige Juden gab.
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 standen die meisten Oschatzer hinter dem Hitler-Regime. Wie es danach bis zur bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches 1945 weiterging, recherchiert Wolfgang Michael derzeit.
Am Ende seiner Lesung erinnerte der Autor daran, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg einen breiten Konsens gab: Das darf nie wieder geschehen! "Es gibt aber keine Garantie für die Zukunft: Alles ist möglich", ist sein persönliches Fazit zur Entwicklung zwischen 1933 und 1939 in Oschatz.
Das Buch "Oschatz unterm Hakenkreuz - eine Chronik 1933-1939" kann in der Oschatz-Information und der Buchhandlung Roscher gekauft werden. Für den dritten Band von 1939 bis 1945 sucht der Autor noch Fotodokumente und Feldpostbriefe aus dieser Zeit.


Autor Wolfgang Michael (r.) nach der Lesung im Gespräch mit Zuhörern. Foto: SB

Auszug aus Chronik

11. Februar 1935: Die Luftschutzwarte der Stadt Oschatz werden in einer großen Feier vereidigt.
7. August 1935: Das Mügelner Standesamt lehnt Aufgebote zwischen Ariern und Nichtariern und damit auch die Eheschließung ab.
24. März 1936: Als Einschüchterung werden in Oschatz die bekannten Antifaschisten Otto Eichler, Max Knäse, Rudolf Krug, Heinrich Schäfer, Alfred Schiemann, Erich Vogel und Emil Zwahr in "vorbeugende Schutzhaft" im KZ Sachsenburg eingekerkert.
3. September 1937: "Die rote Weltpest - der Bolschewismus" heißt eine Ausstellung, die vom 11. bis 17. September im Oschatzer Schützenhaus zu sehen sein wird.
12. August 1938: Zum 1. September werden 32 Volkswohnungen bezogen. Sie befinden sich in vier Häusern der Merkwitzer Straße und am Wachhübel.
10. Mai 1939: Am 12. Mai werden in Oschatz die ersten Volksgasmasken ... an die Volksgenossen abgegeben...


Oschatzer Allgemeine Zeitung
26.01.2012

Im Schatten des Hakenkreuzes
Wolfgang Michael hat die Zeit zwischen 1933 und 1939 in Oschatz recherchiert
und darüber ein Buch geschrieben

Oschatz. Diese Frage treibt Wolfgang Michael (Jahrgang 1938) seit Jahren um: „Wie konnte so etwas in Oschatz passieren?“ Auf 220 Seiten seines neuen Buches „Oschatz unterm Hakenkreuz“ sucht der Heimatforscher nach Antworten, warum so viele Oschatzer den Nazis zwischen der Machtergreifung 1933 und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 bedingungslos gefolgt waren. „Diesmal ist es eine Chronik“sagt der pensionierte Lehrer, der sein erstes Buch zu diesem Thema „Der Aufstieg des Nationalsozialismus und seine ,Machtergreifung’ in Oschatz 1928-1933“ vor fünf Jahren veröffentlicht hat. Im neuen Buch beleuchtet der Autor, wie die Ideologie und Politik der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) das zivilgesellschaftliche Leben in Oschatz bestimmt haben. „Auffällig war der ständige Aktionismus der Nazis. Innerhalb von sechs Jahren veranstalteten sie 243 Aufmärsche durch die Stadt.“ Bei Wahlen holten Hitlers Getreue fast immer 99,9 Prozent der Stimmen. Sicherheitshalber steckten sie bekannte Kommunisten vor den Urnengängen ins Konzentrationslager. Wirtschaftlich profitierte Oschatz von der Aufrüstung vor dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem Bau des Fliegerhorstes kamen Soldaten. Gaststätten und Handel florierten. „Meine Mutter hat über diese Zeit immer gesagt: Das waren die schönen Jahre vor dem Krieg", so Michael. Bei seinen Recherchen, die sich hauptsächlich auf die damals erschienene Tageszeitung "Oschatzer Gemeinnützige" stützen, stellte sich jedoch heraus: Erinnerungen liefern ein verzerrtes Bild der Wirklichkeit. "Mich hat persönlich überrascht, dass es laufend Versorgungsengpässe gab. Besonders Fett war Mangelware."
Die zuständigen Mitarbeiter im Oschatzer Rathaus brauchten jede Woche drei Tage, um an alle Bedürftigen Margarine-Marken auszugeben. Diese Unannehmlichkeiten führten jedoch nicht dazu, dass die Oschatzer gegen die Naziherrschaft rebellierten. Im Gegenteil: Den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 feierten spontan Tausende Oschatzer auf den Straßen ihrer Heimatstadt. "Natürlich hat es auch Leute gegeben, die dieses System abgestoßen hat. Aber die meisten haben das im Lauf der Zeit angenommen - zumindest bis zum Kriegsausbruch." Wie es danach bis zur Zerschlagung der Nazidiktatur 1945 in Oschatz weiterging, das möchte Wolfgang Michael gern noch recherchieren und veröffentlichen. "Wenn ich das noch schaffe", schränkt er ein.
Als Vorsitzende des Oschatzer Heimat- und Geschichtsvereins ist Gabriele Teumer

Teumer froh, dass Wolfgang Michael mit seinem neuen Buch die Publikationsreihe "Oschatzer Geschichte(n)" ergänzt. "Mich hat das Buch sehr beeindruckt. Das Besondere daran ist, dass Wolfgang Michael die Geschehnisse in Oschatz in den großen Zusammenhang eingeordnet hat", sagt sie.

Das Buch "Oschatz unterm Hakenkreuz - eine Chronik 1933-1939" wird am 8. Februar ab 19 Uhr öffentlich im Gasthaus Zum Schwan vorgestellt.

Gabriele Teumer und Wolfgang Michael zeigen das Titelblatt des neuen Buches, das am 8. Februar erstmals öffentlich vorgestellt wird.
Foto: Dirk Hunger