Haben sie als Oschatzer ein juristisches Problem? Dann gehen
Sie doch zum Justizrat Hans Schmorl in der Promenade 31. Oder ist
vielleicht einmal ein neuer Haarschnitt gefällig? Dann können wir
Ihnen den Friseur und Barbier Josef Scholz in der Seminarstraße 5
empfehlen. Möchten Sie den neuesten Film sehen? Dann schauen Sie
doch im Kinomatographentheater Karl Leonhard Müller in der
Badergasse 4 vorbei.
Wenn sie von den vorgenannten Herren noch nie etwas gehört haben
sollten, ist das nicht weiter verwunderlich. Diese Empfehlungen
stammen aus dem "Adress-Buch für die Stadt und Amtshauptmannschaft
Oschatz- Verzeichnis - der Handel- und Gewerbetreibenden" - aus dem
Jahre 1922. Finden kann man diese historischen "Gelben Seiten" im
Internet, auf der Web-Site: http://www.oschatz-damals.de/.
Doch das Adress-Verzeichnis ist nicht der einzige Höhepunkt für
geschichtlich interessierte Oschatzer. Es gibt jede Menge
historische Ansichten, Sagen und sonstiges Wissenswertes über die
Stadt am Collm zu erfahren.
Wer jedoch denkt, dass die Web-Site in Sachsen produziert wird,
kann falscher nicht liegen. Man muss die Elbe schon einige Kilometer
flussabwärts fahren, um an den Entstehungsort des virtuellen Oschatz
zu gelangen. Der Hamburger Horst Kohl ist der helle Kopf, der das
alte Oschatz ins Netz gebracht hat. Und das nicht von ungefähr:
Seine Großeltern wohnten früher in Oschatz. Als Kohls Mutter drei
Jahre alt war, siedelten sie aber in die Hansestadt über.
Die Idee zu der Web-Site kam ihm, als er den Haushalt einer Tante
auflöste. Hunderte historische Postkarten vielen dem
Bankangestellten in die Hände. Spaßeshalber stellte er sie 1998 ins
Internet - und stieß damit auf große Resonanz. Viele Internet-Nutzer
waren sehr angetan und zeigten ihre Begeisterung im mittlerweile
prall gefüllten Gästebuch der Homepage.
Inzwischen ist einiges passiert. Der Hamburger stellte in vielen
hundert Arbeitsstunden immer mehr Oschatzer Geschichten ins Netz.
"Ich arbeite zwar nicht täglich an der Seite, aber wenn ich einmal
am Basteln bin, kann das schon mal ein bisschen dauern", sagt Kohl
auf OAZ-Anfrage. Er ist auch Mitglied im Oschatzer Heimatverein, mit
dem er gut zusammenarbeitet. "Ich war mittlerweile einige Male da,
mir gefällt die Stadt auch wirklich sehr gut. Mit vielen Oschatzern
habe ich mich mittlerweile auch richtig angefreundet".
Die Döllnitzstadt wird auf den Seiten ausführlich vorgestellt.
Neben der großen Zahl von Fotos kann man jede Menge Geschichten und
Geschichtliches finden. Auch Bilder aus jüngerer Zeit werden
gezeigt. Die Jahrhundertflut 2002 wird ebenso dokumentiert wie
Bilder von Stadtfesten. Hauptsächlich widmet sich Kohl jedoch dem
Historischen: Artikel aus dem "Oschatzer Tageblatt und Anzeiger"
stehen neben Auszügen aus der Stadtchronik über den großen
Stadtbrand des Jahres 1842. Bekannte Oschatzer wie die Komponisten
Carl-Gottlieb und Karl Eduard Hering oder der Erfinder Curt Lehmann
werden vorgestellt. Außerdem gibt es Sagen aus unserer Region und
einen Beitrag über die Mundart in Mittelsachsen zu lesen.
"Weesde noch?" werden sich vor allem ältere Mitbürger beim
Betrachten der Fotos und Beiträge sagen. Und obwohl es schon sehr,
sehr viele Stadtansichten zu sehen gibt, sind alte Fotos jederzeit
willkommen. "Wer will kann mit mir per E-Mail Kontakt aufnehmen",
meint der Hamburger. Neben der Oschatzer Seite betreut er noch
einige andere Web-Sites, wie zum Beispiel die des Heimatvereines.
"Oschatz-damals ist aber schon meine Hauptseite. Als nächstes möchte
ich mich den Straßennamen widmen und deren Herkunft ermitteln."
Spätestens dann ist Horst Kohl nicht nur für die Oschatzer eine ganz
große Hausnummer.
Holger Schrapel